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Alexander J. Eberhard (c) Philipp Kerber

„Die wortlose Kommunikation ist mir am liebsten“ – Alexander J. Eberhard im mica-Interview

6. Oktober 2020

Mehr als fĂŒnf Jahre sind seit dem letzten mica-Interview vergangen und wieder geht es um ein neues Album, um neue ZwischenrĂ€ume und vor allem Zwischentöne. StĂ€ndig begegnen ALEXANDER J. EBERHARD als Bratschist, Komponist, aber auch Veranstalter neue Ideen, die ihn schwer einer anderen Gattung oder Stilrichtung zuordnen lassen als seiner ganz persönlichen. Mit Sylvia Wendrock sprach der in KĂ€rnten geborene und in Wien lebende ALEXANDER J. EBERHARD ĂŒber leise Töne, kurze StĂŒcke und seine schĂ€rfste Kritikerin.

„Moskwitsch“ soll dein neues Album heißen. Beschreibt der Titel tatsĂ€chlich dieses Auto des Ostens?

Alexander J. Eberhard: Ja, das ist der russische Trabi. Es gibt ein gleichnamiges StĂŒck fĂŒr Schlagzeug und Elektronik, das ich fĂŒr Igor [Gross, Anm.] geschrieben habe. Er spielt darin auch auf einer SalatschĂŒssel und das hat mich auf den Titel gebracht. Als wĂ€re sie eine verformte Radkappe. Und der Sound ist auf der SalatschĂŒssel super. Aber vielleicht sollten wir es mit einer original Moskwitsch-Radkappe ausprobieren, vielleicht klingt das noch besser. FĂŒr die Aufnahme ist ja noch Zeit. Aber das ist ein guter Input.

Ist die Playlist dafĂŒr schon fix?

Alexander J. Eberhard (c) Markus Sepperer

Alexander J. Eberhard: Ich möchte gern wieder auf Vinyl veröffentlichen, die StĂŒcke mĂŒssen einfach plattentauglich sein und manchmal wĂ€re dann die Nadel lauter als die Musik. „Rosith“ zum Beispiel ist ein sehr leises KlavierstĂŒck, ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das wirklich draufkommen wird. Es war ein Abschiedsgeschenk fĂŒr Karlheinz Roschitz. AnlĂ€sslich seines Pensionseintritts sind 25 Komponistinnen und Komponisten eingeladen worden, kurze StĂŒcke zu schreiben. Bei der UrauffĂŒhrung in der Alten Schmiede habe ich mich selbst ans Klavier gesetzt, weil ich mir das irgendwie zutraute. Aber ich habe dann wie noch nie zuvor in meinem Leben vor dem Auftritt gezittert, weil das Klavier einfach nicht mein Instrument ist. So können einem auch scheinbar leichte Sachen, wenn man darin nicht zu Hause ist, richtig Stress machen. Wahrscheinlich wird auch „Spinner Colada“ fĂŒr Vibrafon und Fidget Spinners aufgenommen. Dann „Moonwalk“, das ich fĂŒr Petra Ackermann geschrieben habe. Und dann sollte noch was Neues kommen, da bin ich noch am Werken. Und noch ein StĂŒck fĂŒr Solo-Bratsche, es heißt „Marigold“. Das ist auch fĂŒr Petra Ackermann geschrieben. Es wird im MĂ€rz eine UrauffĂŒhrung im Gare du Nord in Basel geben, wo Petra mein neues StĂŒck „Nyx“ spielen wird. Ob das draufpasst, ĂŒberlege ich noch.

Was hat es mit Petra Ackermann auf sich, dass du fĂŒr sie so viel komponierst?

Alexander J. Eberhard: Wir kennen uns schon seit der Schulzeit, haben zusammen viel musiziert und als Teenager Orchestercamps besucht. Sie ist eine tolle Bratschistin mit einer AffinitĂ€t fĂŒr Neue Musik. Sie hat etwas sehr Feines. Und ich schreibe manchmal gern so feine, leise StĂŒcke. Das passt natĂŒrlich perfekt. Es gibt auch ein StĂŒck fĂŒr Klavier, Bratsche und Plattenspieler, das ich fĂŒr sie und ihren Mann, den Pianisten Philipp Meier, geschrieben habe. Nach der UrauffĂŒhrung beim Musikforum Viktring kam eine Frau zu mir und sagte: „Ja, das ist Kunst, genau so soll Neue Musik klingen!“ Das hat mich natĂŒrlich sehr gefreut.

„Ich liebe ja kurze StĂŒcke auch sehr.“

Ein Argument fĂŒr das Liveerlebnis. Gerade die FeinstĂŒcke sind also fĂŒr die AuffĂŒhrungssituation gedacht und gemacht und notwendigerweise auch dafĂŒr da.

Alexander J. Eberhard: Ja. „Rosith“ ist zum Beispiel so ein StĂŒck. Ein paar Töne, die eine ganz kleine aufsteigende Melodie ergeben. Dann eine Fermate und plötzlich gibt es einen lauten Cluster, wo sich die ersten Reihen erschrecken. Dann kommt aus dem Nichts ein Klang, produziert mit einem E-Bow, der sich aufbaut, mit dem Pedal gehalten wird und dann bis null ausklingt. Das StĂŒck ist deshalb nur so kurz, weil ich einer der wenigen war, der die Zeitvorgabe von einer Minute ernst genommen hat. Ich liebe ja kurze StĂŒcke auch sehr.

Wie bei „9xBeethoven10“.

Alexander J. Eberhard: Das ist mein kĂŒrzestes StĂŒck. Ich habe da aus allen Beethoven-Sinfonien Ein-Sekunden-StĂŒcke gemacht, indem ich sie mit einer analogen Tonbandmaschine – in doppeltem Tempo abgespielt – aufgenommen habe, bis sie nur noch eine Sekunde lang waren. Das war 1994 mein AbschlussstĂŒck des UniversitĂ€tslehrgangs Elektroakustische und experimentelle Musik. Jede Sinfonie hat lustigerweise eine andere Struktur. Begonnen mit einem Beethoven-Zitat, damit man versteht, wo man jetzt daheim ist, dauert das StĂŒck insgesamt 23 Sekunden. Vor zwei Jahren habe ich beim Komponistenforum Mittersill die VideokĂŒnstlerin Claudia Larcher kennengelernt. Sie hat spontan mit ihrem Videomaterial auf dieses BeethovenstĂŒck geantwortet. Wir nannten es 9xBeethoven10 – reloaded.

Wie kommst du sonst zu deinen StĂŒcken? Was passiert da?

Alexander J. Eberhard: Die besten EinfĂ€lle kommen mir beim Laufen. Das war auch das Einzige, das ich im Lockdown wirklich habe tun können. Beim Laufen bekomme ich den Kopf frei und dann kommen Ideen fĂŒr das Komponieren. Wenn mir nichts einfĂ€llt, dann schnappe ich mir die Schuhe und gehe im Garten des Belvedere ein paar Runden laufen. Am liebsten halt auch möglichst frĂŒh. Denn eigentlich bin ich ein Morgenmensch und habe immer wieder Komponierphasen, wo ich um fĂŒnf Uhr aufstehe und dann bis acht komponiere. Das ist so meine kreativste Zeit. Da kann ich meine Ideen ohne Ablenkung sichten, Entscheidungen treffen und bin dabei einfach doppelt so schnell. Obwohl das normale Musikerleben ja eher nicht so fĂŒr Morgenmenschen gemacht ist.

Komponieren und Musizieren sind fĂŒr dich gleich wichtig, sie bedingen sich bei dir sogar gegenseitig, oder?

Alexander J. Eberhard: Ich spiele wahnsinnig gern und komponiere auch gern. Das Tolle ist ja, dass ich Sachen meist sofort ausprobieren kann und nicht erst jemanden bitten muss, wenn ich fĂŒr Bratsche oder Streichquartett schreibe. FĂŒr Petra [Ackermann, Anm.] ist natĂŒrlich der persönliche Kontakt ausschlaggebend. Und obwohl oft gesagt wird, dass es ja schon alles gibt, entstehen doch immer noch Sachen, die es noch nicht gegeben hat. Ich verwende gern Gadgets, wie zum Beispiel eine Laborstoppuhr, Spielwerke, Fidget Spinners oder den schon erwĂ€hnten Plattenspieler.

„Auch wenn es banal klingt: Ich möchte die Menschen mit meiner Musik ansprechen.“

Deine Musik bleibt beeindruckend leicht und zugĂ€nglich, sie wirkt oft unangestrengt. Steckt darin nicht auch dein Bestreben, lieber mit der Musik zu kommunizieren, als ĂŒber sie zu sprechen?

Alexander J. Eberhard: Auch wenn es banal klingt: Ich möchte die Menschen mit meiner Musik ansprechen. Ich will ihnen etwas erzÀhlen. Und ich finde, dass das sofort funktionieren soll, und zwar in dem Moment, wo die Musik da ist. Entweder es gefÀllt einem dann oder halt nicht. Ich versuche zu vermeiden, kopflastig oder staubig in meiner Musik zu werden.

Wie sieht es covidbedingt fĂŒr dich aus? FĂŒr euch?

Alexander J. Eberhard: Diese Situation hat uns natĂŒrlich voll getroffen. Es war meine unproduktivste Zeit ĂŒberhaupt, eine Katastrophe. Keine Konzerte, selber nicht gespielt und natĂŒrlich hat auch niemand etwas von mir gespielt. Wir hatten die Kinder zu Hause und waren ausgelastet mit deren Versorgung und Homeschooling. FĂŒr mich war es definitiv keine Zeit zum Komponieren und Üben, ich konnte ĂŒberhaupt nicht kreativ werden.

Als Trio Polyester habt ihr im JĂ€nner einen Gig der Strengen Kammer im Porgy & Bess. Seit wann und wie habt ihr euch denn gefunden?

Alexander J. Eberhard: Peter [Herbert, Anm.] habe ich bei einer CD-Produktion von Uli Rennert im Herbst 2011 in Graz kennengelernt. Er war als Solist eingeladen, ich war die zweite Bratsche des Streichsextetts. Es gab in einem StĂŒck neben den ausnotierten Noten auch freie Teile und irgendwie hat sich ĂŒber das Improvisieren unsere Verbindung ergeben. Daraufhin hat er mich fĂŒr eine Jamsession ins Blue Tomato eingeladen, wo wir gemeinsam den Opener spielten. Wir traten dann in der Folge als Duo Doppelklinge auf und spĂ€ter formierte sich mit Igor Gross als Schlagwerker das Trio Polyester.

Trio Polyester – Peter Herbert, Igor Gross und Alexander J. Eberhard (c) Andreia Andrade

Was spielt ihr als Duo und als Trio, wie kommuniziert ihr miteinander?

Alexander J. Eberhard: Die wortlose Kommunikation ist mir am liebsten. Um gemeinsam zu spielen, muss man sich gar nicht besonders gut kennen, aber es gibt einen musikalischen Punkt, an dem man sofort das Wesen der oder des anderen spĂŒrt: ob sie oder er eher fĂŒr sich improvisiert oder aber aufmacht und dich sofort mit einbezieht. Alles hat da seine Berechtigung.

„Weil es bei ‚On The Couch‘ auch genau um diese IntimitĂ€t geht.“

Peter Herbert war auch ein Gast der ersten Stunde deiner Reihe „On the Couch“.

Alexander J. Eberhard: Ja, sie feiert heuer im Oktober ein Festival, wir [Isabelle und Alexander J. Eberhard, Anm.] machen diese kleine Hauskonzertreihe in WohnzimmeratmosphĂ€re seit sage und schreibe acht Jahren! Eine kleine kulturelle Initiative, die meine Frau und ich gemeinsam programmieren, mit GetrĂ€nken, Butterbrot und seit Neuestem mit den legendĂ€ren Schwedenbomben! Es geht uns um einen informellen Rahmen, um neue StĂŒcke zu erproben und darĂŒber Austausch mit dem Publikum zu haben. Dadurch begegnen einander immer wieder andere KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler, internationale sogar, wie zum Beispiel der amerikanische Komponist Stuart Saunders Smith und die polnische Saxofonistin Paulina Owzarek. Das sind großartige Gelegenheiten! In Amerika ist es ĂŒblich, dass improvisierte Musik nur an UniversitĂ€ten stattfindet, und das unentgeltlich. Bei uns bekommen die Musikerinnen und Musiker, wenn es möglich ist, eine Gage.

Beim Couch Festival treten Andi Schreiber, Peter Herbert, Igor Gross auf und es spielen Lorenz Raab und Christof Dienz als RaaDie. Dazu gibt es noch eine Videoinstallation von Claudia Larcher und zwei Klanginstallationen von AngĂ©lica CastellĂł und mir. NatĂŒrlich entlang der gegebenen Hygienevorschriften, notfalls als Stream. Doch ich hoffe instĂ€ndig, dass es „normal“ stattfinden wird und nicht als Stream. Wir haben im Mai schon auf den Herbst verschoben. Es ist ja vor allem das Live-Event, das allen so fehlt, vor Publikum zu spielen und nicht in einem leeren Raum. Weil es bei „On The Couch“ auch genau um diese IntimitĂ€t geht.

Jetzt hast du auch wieder Musik zu Filmmaterial geschrieben.

Alexander J. Eberhard: Ja, „Collapsing Mies“ lief auf der Diagonale, natĂŒrlich nur online. Das Festival d’Animation Annecy, das weltweit grĂ¶ĂŸte Animationsfilmfestival, und das Vienna Shorts Film Festival haben den Film ebenfalls gezeigt. Im Fall von „Collapsing Mies“ zeigte Claudia Larcher mir ihren fertigen Film zur Architektur von Mies van der Rohe und ich machte die Musik dazu. Bei „9xBeethoven10 reloaded“ war es umgekehrt, Claudia Larcher hat Videomaterial zu meinem StĂŒck erschaffen. Da gibt es kein vorgegebenes Prozedere.

Arbeitest du im Kompositionsprozess gern mit jemandem zusammen?

Alexander J. Eberhard: Ich habe die schĂ€rfste Kritikerin zu Hause. Meine Frau erlebt den Prozess mit und bekommt die StĂŒcke als Erste zu hören. Wenn es aber um spezielle Spieltechniken geht, dann hole ich mir das Wissen um Klang- und Notationsmöglichkeiten direkt bei den Musikerinnen und Musikern, fĂŒr die ich schreibe.  

Wie geht es dem Christine Lavant Quartett und dem Duo bonaNza?

Alexander J. Eberhard: Wir haben als Quartett erstmals nach dem Ausbruch von Covid-19 ein StĂŒck des Komponisten Johannes Wohlgenannt Zincke aufgenommen. Im MĂ€rz wird es bei Imago Dei in der Minoritenkirche in Krems uraufgefĂŒhrt. Wir sind ein Projekt-Quartett. Es kostet sehr viel Zeit und Aufwand, Konzerte an Land zu ziehen, die auch halbwegs ordentlich bezahlt werden. Die Zeit haben wir oft nicht. Unser Exilkomponistenprojekt liegt im Moment auch brach, wir wollen das aber unbedingt wieder aufleben lassen. Da gibt es so viele selten gespielte SchĂ€tze. Und das Duo ist jetzt mit Schlagzeuger ein Trio: Igor [Gross, Anm.], wer sollte es sonst sein. Wir planen noch in diesem Jahr ein Konzert im WUK.

Herzlichen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch! Sylvia Wendrock

https://www.musicaustria.at/die-wortlose-kommunikation-ist-mir-am-liebsten-alexander-j-eberhard-im-mica-interview/

Bild Alexander J. Eberhard
Alexander J. Eberhard (c) Igor Ripak

ALEXANDER J. EBERHARD – P.A.CAT

Es ist der doch etwas andere Klang, mit dem ALEXANDER J. EBERHARD auf seinem Album P.A. CAT (einklang records) die Hörerschaft konfrontiert. Quasi mit den herkömmlichen musikalischen brechend, sind es vielmehr faszinierende avantgardistische Klanggeschichten und Soundcollagen, als irgendwelche StĂŒcke klassischen Formats, die er ertönen lĂ€sst.

Eines vorweg: Die Frage nach der stilistischen Verortung der Musik des aus KĂ€rnten stammenden Musikers und Komponisten kann man sich eigentlich sparen, denn dafĂŒr sind die EinflĂŒsse, die eine Rolle spielen und dem Geschehen seine Form geben, in ihrer Summe einfach viel zu viele. Alexander J. Eberhard ist ein KĂŒnstler, der sich vorwiegend in den undefinierbaren Stil-Zwischen-RĂ€umen bewegt. Der Sound, den der experimentierfreudige musikalische Freigeist praktiziert und auch auf seinem neuen Album zu Gehör bringt, nĂ€hrt sich aus Unterschiedlichstem: aus der Neuen Musik, dem Jazz, der Popularmusik, Elektronik, Klangkunst, Kammermusik und Klassik. Und genau diese vielschichtige Uneindeutigkeit ist es auch, aus der  sich die besondere Spannung seines facettenreichen Musikentwurfs herausbildet.

Ein besonders Klangerlebnis

Cover "P.A. CAT"

Cover P.A.CAT

Alexander J. Eberhard folgt meist dem GefĂŒhl und meidet das allzu Theoretische und Sperrige. Er gibt jedem einzelnen Ton, jedem GerĂ€usch, Klang und Sample durch seine kunstvollen Verfremdungen und Bearbeitungen eine Bedeutung, einen Sinn. Er lĂ€sst sie schwingen, knarzen, ĂŒbersteuern, warme und kalte Farben annehmen, er verwandelt sie genauso in schönste feingliedrige Melodien, wie in dissonanteste LĂ€rmausbrĂŒche oder abstrakte Rhythmuskonstruktionen. Die Nummern des KĂ€rntners folgen ihren ganz eigenen Regeln: Sie entwickeln sich in offenen Strukturen ĂŒber weite Bögen und Wechsel, immens verdichtete,  komplett reduzierte und minimalistische ZustĂ€nde, sowie ĂŒber solche, die unweigerlich Assoziationen zu mysteriösen, geheimnisvollen, futuristischen, schönen wie auch dunklen Orten auslösen und Bilder in die Köpfe pflanzen.

„P.A. CAT“ ist ein faszinierender Blick ĂŒber den Tellerrand des gewöhnlich Musikalischen hinaus, eine kunstvolle und spannungsgeladene Auseinandersetzung mit den PhĂ€nomenen des Klangs. Alexander J. Eberhard liefert schlicht und einfach einen  Soundtrack ab, der fesselt, fordert und in den Bann zieht. Ganz stark.

Michael Ternai

 

Kleine Zeitung – Sein Ton macht die Musik

Donnerstag, 11. Juni 2015, S 17

eberhard

Musikmagazin – Neues vom österreichischen Musikgeschehen

mica_logo_small_quadratFr, 31.01.2014 – 14:25

Alexander J. Eberhard im PortrÀt

Alexander J. Eberhard ist freischaffender Komponist mit vielfĂ€ltigen Interessen, auf jeden Fall fĂŒr Neue und fĂŒr elektronische  Musik, aber auch  fĂŒr Improvisation, „Soundbranding“, Filmmusik. Zudem ist er aktiver Bratschist, auf der „normalen“,  wie auch der E-Viola. FĂŒr das Jahr 2014 hat er das Staatsstipendium fĂŒr Komposition erhalten, worĂŒber er sich natĂŒrlich freut. Das erleichtere das Arbeiten ein Jahr lang erheblich, er kann Projekte durchfĂŒhren, zu denen er mit anderen TĂ€tigkeiten des Gelderwerbs nicht kommen wĂŒrde. Letzteres sei, wie er meint,  fĂŒr ihn natĂŒrlich ein wenig leichter als fĂŒr andere, die kein Instrument spielten.

Der 1970 in Wolfsberg in KĂ€rnten geborene Eberhard studierte Viola, Komposition sowie elektroakustische und experimentelle Musik an der MusikuniversitĂ€t Wien. Er erhielt bereits 1999 den Ersten Preis beim „Gustav Mahler Kompositionspreis“ der Stadt Klagenfurt,  verschiedene Arbeitsstipendien des Kunstministeriums, der Stadt Wien und des Landes KĂ€rnten und war Stipendiat an der Internationalen Akademie Impuls fĂŒr Neue Musik bei Beat Furrer. 2008 wurde er fĂŒr sein Orchesterwerk in two parts mit dem Theodor Körner Preis ausgezeichnet. 2012 erschien die CD we never die at home seines Elektronikduos bonaNza (mit Jorge SĂĄnchez-Chiong) beim Label Konkord I Rough Trade. Durch den Einsatz digitaler Instrumente sowie der elektronischen Bratsche gelingt Eberhard eine eigenstĂ€ndige Erweiterung seines Klangspektrums, die er auch im Duo mit dem Jazz-Kontrabassisten Peter Herbert umsetzt, „in freier Improvisation und in dichter Interaktion Klangstrukturen der ĂŒberraschenden Art“ schaffend, wie es in einer Besprechung heißt.

Ausgangspunkt fĂŒr seine kammermusikalische TĂ€tigkeit ist Alexander J. Eberhards Auseinandersetzung mit entarteter Musik. Mit dem von ihm gegrĂŒndeten „CLQ :: Christine Lavant Quartett“, benannt nach der (ebenso aus dem Lavanttal stammenden) österreichischen Lyrikerin, setzte er abseits der Mainstream-Konzertprogramme Akzente durch die AuffĂŒhrung von Werken fĂŒr Streichquartett von wĂ€hrend des Naziregimes verfolgten Komponisten, oder durch Kooperationen, wie z.B. mit Hans Platzgumer. 2010 erschien beim ORF die Ersteinspielung mit zwei Streichquartetten des Exilkomponisten Richard Stöhr.

Mit einer weiteren von ihm gegrĂŒndeten Band („Superlooper“) mit den Musikern Ludwig Bekic und Florian Kmet, die allerdings derzeit nicht mehr besteht, prĂ€sentierte Eberhard nach zahlreichen Konzerten in Österreich, Deutschland und Japan deren Debut-CD Construct me beim Festival Wien Modern 2008. Eberhard dazu: „Die Idee der Doppel CD war, dass man selber zu Hause auf zwei Playern eine Klanginstallation machen kann, indem man die CDs gleichzeitig abspielt oder verschiedene Tracks miteinander kombiniert“ (siehe auch mica-Interview mit Superlooper).

Eberhard komponierte 2009 die Musik zu den Dokumentarfilmen „Ein Koffer voller Erinnerung“ und „Meine Flucht aus Prag“ (Centropa Film). Auch Klanginstallationen wie Random Trees, Sonic Interventions: Downtown LA shaped by sound (Los Angeles) sowie die Radiosignation fĂŒr die Architektursendung „a palaver“ auf Radio Orange zĂ€hlen zu seiner Arbeit als Komponist. 2012 wurde Magic vom Phace Ensemble  im Semperdepot Wien uraufgefĂŒhrt.

PortrÀt-GesprÀch

Schon beim letzten mica-Interview mit Alexander J. Eberhard vor mehr als fĂŒnf Jahren urteilte Sabine Reiter, die ein ausfĂŒhrliches GesprĂ€ch mit ihm fĂŒhrte und aufzeichnete, ĂŒber ihn: „Kompositionen, graphisch notierte Musik als Anregung zur Improvisation, Filmmusik, Klanginstallationen, elektronisches Clubmusik-Duo – der Komponist und Bratschist lĂ€sst sich nicht so einfach auf ein Fach festlegen.” Es lag nahe, ihn bei einem erneuten mica-GesprĂ€ch fĂŒr dieses PortrĂ€t zunĂ€chst zu fragen, welche Vorhaben er 2014 umsetzen wolle.

Konkretes Projekt ist derzeit die Herausgabe einer PortrĂ€t-CD auf einklang records, auf der zwei Streichquartette erscheinen werden, zwei StĂŒcke gemeinsam mit dem Kontrabassisten Peter Herbert, ein StĂŒck fĂŒr und mit der Bratschistin Petra Ackermann und dem Gitarristen Janez Gregorič, sowie ein StĂŒck mit dem Klarinettisten Olivier VivarĂ©s vom Klangforum Wien. Sie wird in diesem Jahr unter dem Titel Baked Alaska im Radiokulturhaus aufgenommen. Außerdem gibt es UrauffĂŒhrungen wie Angels`share fĂŒr Streichquartett und Stimme mit Gunda König und Texten von Christine Lavant am 14. Juni im Kulturverein Eichgraben oder Zeitlos… fĂŒr Viola, Gitarre und Laborstoppuhr.

Das Christine Lavant Quartett (vormals Egon Wellesz Quartett), das er zusammenhĂ€lt und dessen Auftritte er gemeinsam mit seiner Frau Isabelle organisiert, die im Quartett ĂŒbrigens das Cello spielt, ist ihm weiterhin ein Anliegen. Die normale akustische Bratsche spiele er gern? – „Sehr gern, im Quartett nur akustisch, jetzt ĂŒberhaupt, da ich mir eine tolle Bratsche der Geigenbauerin BĂ€rbel Bellinghausen kaufen konnte. Ich machte auf der Uni die komplette Viola-Ausbildung samt PrĂŒfungen und Magisterabschluss. Derzeit mache ich gerade Agglomeration von Anestis Logothetis, ein StĂŒck eigentlich fĂŒr Sologeige und Ensemble, von mir adaptiert als SolostĂŒck fĂŒr E-Bratsche und Live-Elektronik.  Die meisten grafischen StĂŒcke von Logothetis können sowieso ad libitum besetzt werden  Das gibt es auch im April  in der Alten Schmiede zu hören“. Dort wird am 11. April 2014 Olivier VivarĂšs auch ein StĂŒck fĂŒr Bassklarinette (Simulacre IV, 1995) fĂŒr Bassklarinette von Georges Aperghis auffĂŒhren. Geplant sind zwei UrauffĂŒhrungen von Kompositionen Alexander J. Eberhards: Kalamos fĂŒr Kontrabassklarinette und Sudden smile fĂŒr Bassklarinette, Viola und Live-Elektronik.

An der ELAK (Lehrgang Elektroakustisches Sounddesign Computermusik) machte Eberhard das Kompositionsstudium, war eine Zeit lang in der Kompositionsklasse bei Dieter Kaufmann. À propos Dieter Kaufmann: 2013 wirkte Alexander J. Eberhard an der Viola gemeinsam mit Clemens Hofer (Posaune) und Alfred Melichar (Akkordeon) in Klagenfurt bei der der szenischen UrauffĂŒhrung des Tanztheaters „BrĂ€utigall und Anonymphe“ und den “Unpainted Poems“ von Dieter Kaufmann mit.

ArbeitsstĂ€tte des Komponisten ist sein Studio, in dem er unter dem Titel  „On the couch“  auch Konzerte organisiert, zuletzt im Dezember zum Beispiel mit Peter Herbert. Alexander J. Eberhard mochte bei den Besprechungen des Duos am meisten eine Charakterisierung, die Andreas Felber fĂŒr Ö1 machte: „Musikalisch bewegt sich das Geschehen im Spannungsfeld von Minimal Techno, Jazz, Improvisation und abstrakter Klangarbeit“. Gemeinsam, erzĂ€hlt Alexander J. Eberhard,  werden die StĂŒcke entworfen, die AnfĂ€nge klargemacht. Es gibt Skizzen, Notierungen, manchmal Zuspielungen oder den Einsatz des Laptops. Auch Peter Herbert bringt öfter EntwĂŒrfe fĂŒr StĂŒcke mit, spielt etwas vor und schlĂ€gt vor in welche Richtung etwas gehen kann. DemnĂ€chst ist das Duo Eberhard&Herbert am 8. April mit dem neuen Programm Doppelklinge in der Strengen Kammer des Porgy&Bess zu hören.

Im Studio Eberhard wurden auch wiederholt die StĂŒcke Combat of dreams (2003-2010) fĂŒr Streichquartett und Zuspielung aufgefĂŒhrt oder Magic (2011) fĂŒr Streichquartett, Spielwerke und Zuspielung. „Die UrauffĂŒhrung war im Semperdepot“, erinnert sich Eberhard, „das war das mit den Spielwerken, die im zweiten Teil des StĂŒckes auf die Instrumente aufgesetzt wurden. Der Cellist Roland Schueler etwa klemmte das Spielwerk zwischen die Saiten und erzeugte dadurch einen ganz eigenen Klang. Die anderen setzten sie auf den Korpus ihres Instrumentes, der dann wie ein kleiner VerstĂ€rker fungierte. Durch den sehr reduzierten Einsatz kam oft nur ein ‚Pling’. Im ersten Teil fĂŒhrt das Quartett gemeinsame sehr leise Glissando-Bewegungen im Vierteltonbereich aus. Es ist ein meditatives StĂŒck, wenn man das so sagen will. Ganz fein minimalistisch reduziert.

Bleibt noch, ĂŒber das Elektronikduo bonaNza mit JSX zu reden, das seit 2006 sowohl auf TanzflĂ€chen wie auch auf Kunstfestivals auftritt. Mit we never die at home prĂ€sentierte bonaNza „frischen Clubsound aus unkonventionellen und virtuosen Beats und Samplingarbeiten. Fließend koppelt es kargen Minimalhouse mit Noise und Industrial, kantige Techno-Beats mit vertrĂ€umten FilmmusikversĂ€tzen, oder fröhliche Reggaeton-Rhythmen mit dĂŒsteren, angezerrten E-Violasounds, vertraute Stimmungselektronik erscheint dabei in einem völlig neuen Kontext“, heißt es etwa in einer Besprechung dieser CD. Alexander J. Eberhard: „Wir haben anfĂ€nglich viel in Clubs gespielt, da hat man zwar oft nichts oder nicht viel dafĂŒr bekommen. Wir wurden dann aber sehr bald zum musikprotokoll eingeladen und nach Norwegen zum Numusic Festival in Stavanger.

Wo ist ein Publikum? Wohin wird sich das Musikleben entwickeln? „In ‚brand eins’, einer  deutschen Wirtschaftszeitung mit sehr guten Kulturartikeln steht, dass das Interesse fĂŒr live gespielte klassische Konzerte in den nĂ€chsten 30 Jahren um 36% zurĂŒckgehen werde.“ Das Interesse fĂŒr Neue Musik sei aber bei jungen Leuten durchaus da. Beim Jeunesse-Konzert des Mivos Quartet, das mit Jorge SĂĄnchez-Chiong dessen neues StĂŒck „chromatic aberration“ auffĂŒhrte, war Eberhard mit jungen amerikanischen Studenten, mit  denen er Lehrveranstaltungen und auch  Konzertbesuche macht. Da hörte er ein MĂ€dchen im Jeunesse.Publikum zwischen den Darbietungen sagen: „Ich kann dabei so gut abschalten“.  Gerne möchte Eberhard in Zukunft auch mit Jugendlichen in Workshops arbeiten. In einem Workshop mit Studenten des Central College Abroad Vienna, genannt „Electric Orpheus“ werden unter Eberhards Anleitung mit Hilfe von Musiksoftware MusikstĂŒcke aus selber hergestellten Samples  produziert.

Sehr wichtig ist Alexander J. Eberhard auch die musikpĂ€dagogische Arbeit mit Kindern. „Gemeinsam mit meiner Frau arbeite ich seit einem Jahr mit Kindern im Kindergartenalter in Form des Musikkurses ‚Kinderklang’, der im Studio stattfindet.  In diesen Kursen singen und tanzen wir viel, es gibt Rhythmus- und Bewegungsspiele, begleitet immer mit unseren Instrumenten Bratsche und Cello.“

Heinz Rögl

Foto Eberhard 1: Philipp Kerber
Foto Eberhard 2: Igor Ripak
Foto Eberhard 3: Daniel Pufe

Artists Eberhard, Alexander J.
Links Alexander J. Eberhard
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On the couch: Peter Herbert & Alexander J. Eberhard
Musikdatenbank Alexander J. Eberhard
 

Der Standard – Szenario 20. Dezember 2013, Watchlist 29. JĂ€nner 2013

Andreas Felber

Beim zehnten On the couch – Konzert von Peter Herbert, Österreichs WeltbĂŒrger am Kontrabass, und Alexander J. Eberhard (E-Viola, Soundelektronik) wollen es die beiden krachen lassen. Musikalisch bewegt sich das Geschehen im Spannungsfeld von Minimal Techno, Jazz, Improvisation und abstrakter Klangarbeit.

Presseartikel_12_2013

Ein Saitenduo der besonderen Sorte: Viola-Spieler und Soundelektroniker Alexander J. Eberhard und der mit allen Wassern gewaschene Meisterbassist Peter Herbert werden heute in freier Improviastion und in dichter Interaktion Klangstrukturen der ĂŒberrraschenden Art ersinnen.

Presseartikel

 

Standard_05062012

Frischluft fĂŒr den Konzertbetrieb

Doris Weberberger, ÖMZ 2012

BedĂ€chtig und dabei nicht weniger spannungsvoll brachte Alexander J. Eberhard die langsamen Glissandi des Streichquartetts Magic in Kontrast zu den auf die Instrumente aufgesetzten Spielwerken und knacksende Zuspielung. Frischluft, wie sie dem Konzertbetrieb auch in vermehrtem Maß gut tun wĂŒrde, um das traditionelle Feuer nicht zu Asche werden zu lassen, sondern es am Brennen zu halten.

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