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Alexander J. Eberhard (c) Philipp Kerber

„Die wortlose Kommunikation ist mir am liebsten“ – Alexander J. Eberhard im mica-Interview

6. Oktober 2020

Mehr als fünf Jahre sind seit dem letzten mica-Interview vergangen und wieder geht es um ein neues Album, um neue Zwischenräume und vor allem Zwischentöne. Ständig begegnen ALEXANDER J. EBERHARD als Bratschist, Komponist, aber auch Veranstalter neue Ideen, die ihn schwer einer anderen Gattung oder Stilrichtung zuordnen lassen als seiner ganz persönlichen. Mit Sylvia Wendrock sprach der in Kärnten geborene und in Wien lebende ALEXANDER J. EBERHARD über leise Töne, kurze Stücke und seine schärfste Kritikerin.

„Moskwitsch“ soll dein neues Album heißen. Beschreibt der Titel tatsächlich dieses Auto des Ostens?

Alexander J. Eberhard: Ja, das ist der russische Trabi. Es gibt ein gleichnamiges Stück für Schlagzeug und Elektronik, das ich für Igor [Gross, Anm.] geschrieben habe. Er spielt darin auch auf einer Salatschüssel und das hat mich auf den Titel gebracht. Als wäre sie eine verformte Radkappe. Und der Sound ist auf der Salatschüssel super. Aber vielleicht sollten wir es mit einer original Moskwitsch-Radkappe ausprobieren, vielleicht klingt das noch besser. Für die Aufnahme ist ja noch Zeit. Aber das ist ein guter Input.

Ist die Playlist dafür schon fix?

Alexander J. Eberhard (c) Markus Sepperer

Alexander J. Eberhard: Ich möchte gern wieder auf Vinyl veröffentlichen, die Stücke müssen einfach plattentauglich sein und manchmal wäre dann die Nadel lauter als die Musik. „Rosith“ zum Beispiel ist ein sehr leises Klavierstück, ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das wirklich draufkommen wird. Es war ein Abschiedsgeschenk für Karlheinz Roschitz. Anlässlich seines Pensionseintritts sind 25 Komponistinnen und Komponisten eingeladen worden, kurze Stücke zu schreiben. Bei der Uraufführung in der Alten Schmiede habe ich mich selbst ans Klavier gesetzt, weil ich mir das irgendwie zutraute. Aber ich habe dann wie noch nie zuvor in meinem Leben vor dem Auftritt gezittert, weil das Klavier einfach nicht mein Instrument ist. So können einem auch scheinbar leichte Sachen, wenn man darin nicht zu Hause ist, richtig Stress machen. Wahrscheinlich wird auch „Spinner Colada“ für Vibrafon und Fidget Spinners aufgenommen. Dann „Moonwalk“, das ich für Petra Ackermann geschrieben habe. Und dann sollte noch was Neues kommen, da bin ich noch am Werken. Und noch ein Stück für Solo-Bratsche, es heißt „Marigold“. Das ist auch für Petra Ackermann geschrieben. Es wird im März eine Uraufführung im Gare du Nord in Basel geben, wo Petra mein neues Stück „Nyx“ spielen wird. Ob das draufpasst, überlege ich noch.

Was hat es mit Petra Ackermann auf sich, dass du für sie so viel komponierst?

Alexander J. Eberhard: Wir kennen uns schon seit der Schulzeit, haben zusammen viel musiziert und als Teenager Orchestercamps besucht. Sie ist eine tolle Bratschistin mit einer Affinität für Neue Musik. Sie hat etwas sehr Feines. Und ich schreibe manchmal gern so feine, leise Stücke. Das passt natürlich perfekt. Es gibt auch ein Stück für Klavier, Bratsche und Plattenspieler, das ich für sie und ihren Mann, den Pianisten Philipp Meier, geschrieben habe. Nach der Uraufführung beim Musikforum Viktring kam eine Frau zu mir und sagte: „Ja, das ist Kunst, genau so soll Neue Musik klingen!“ Das hat mich natürlich sehr gefreut.

„Ich liebe ja kurze Stücke auch sehr.“

Ein Argument für das Liveerlebnis. Gerade die Feinstücke sind also für die Aufführungssituation gedacht und gemacht und notwendigerweise auch dafür da.

Alexander J. Eberhard: Ja. „Rosith“ ist zum Beispiel so ein Stück. Ein paar Töne, die eine ganz kleine aufsteigende Melodie ergeben. Dann eine Fermate und plötzlich gibt es einen lauten Cluster, wo sich die ersten Reihen erschrecken. Dann kommt aus dem Nichts ein Klang, produziert mit einem E-Bow, der sich aufbaut, mit dem Pedal gehalten wird und dann bis null ausklingt. Das Stück ist deshalb nur so kurz, weil ich einer der wenigen war, der die Zeitvorgabe von einer Minute ernst genommen hat. Ich liebe ja kurze Stücke auch sehr.

Wie bei „9xBeethoven10“.

Alexander J. Eberhard: Das ist mein kürzestes Stück. Ich habe da aus allen Beethoven-Sinfonien Ein-Sekunden-Stücke gemacht, indem ich sie mit einer analogen Tonbandmaschine – in doppeltem Tempo abgespielt – aufgenommen habe, bis sie nur noch eine Sekunde lang waren. Das war 1994 mein Abschlussstück des Universitätslehrgangs Elektroakustische und experimentelle Musik. Jede Sinfonie hat lustigerweise eine andere Struktur. Begonnen mit einem Beethoven-Zitat, damit man versteht, wo man jetzt daheim ist, dauert das Stück insgesamt 23 Sekunden. Vor zwei Jahren habe ich beim Komponistenforum Mittersill die Videokünstlerin Claudia Larcher kennengelernt. Sie hat spontan mit ihrem Videomaterial auf dieses Beethovenstück geantwortet. Wir nannten es 9xBeethoven10 – reloaded.

Wie kommst du sonst zu deinen Stücken? Was passiert da?

Alexander J. Eberhard: Die besten Einfälle kommen mir beim Laufen. Das war auch das Einzige, das ich im Lockdown wirklich habe tun können. Beim Laufen bekomme ich den Kopf frei und dann kommen Ideen für das Komponieren. Wenn mir nichts einfällt, dann schnappe ich mir die Schuhe und gehe im Garten des Belvedere ein paar Runden laufen. Am liebsten halt auch möglichst früh. Denn eigentlich bin ich ein Morgenmensch und habe immer wieder Komponierphasen, wo ich um fünf Uhr aufstehe und dann bis acht komponiere. Das ist so meine kreativste Zeit. Da kann ich meine Ideen ohne Ablenkung sichten, Entscheidungen treffen und bin dabei einfach doppelt so schnell. Obwohl das normale Musikerleben ja eher nicht so für Morgenmenschen gemacht ist.

Komponieren und Musizieren sind für dich gleich wichtig, sie bedingen sich bei dir sogar gegenseitig, oder?

Alexander J. Eberhard: Ich spiele wahnsinnig gern und komponiere auch gern. Das Tolle ist ja, dass ich Sachen meist sofort ausprobieren kann und nicht erst jemanden bitten muss, wenn ich für Bratsche oder Streichquartett schreibe. Für Petra [Ackermann, Anm.] ist natürlich der persönliche Kontakt ausschlaggebend. Und obwohl oft gesagt wird, dass es ja schon alles gibt, entstehen doch immer noch Sachen, die es noch nicht gegeben hat. Ich verwende gern Gadgets, wie zum Beispiel eine Laborstoppuhr, Spielwerke, Fidget Spinners oder den schon erwähnten Plattenspieler.

„Auch wenn es banal klingt: Ich möchte die Menschen mit meiner Musik ansprechen.“

Deine Musik bleibt beeindruckend leicht und zugänglich, sie wirkt oft unangestrengt. Steckt darin nicht auch dein Bestreben, lieber mit der Musik zu kommunizieren, als über sie zu sprechen?

Alexander J. Eberhard: Auch wenn es banal klingt: Ich möchte die Menschen mit meiner Musik ansprechen. Ich will ihnen etwas erzählen. Und ich finde, dass das sofort funktionieren soll, und zwar in dem Moment, wo die Musik da ist. Entweder es gefällt einem dann oder halt nicht. Ich versuche zu vermeiden, kopflastig oder staubig in meiner Musik zu werden.

Wie sieht es covidbedingt für dich aus? Für euch?

Alexander J. Eberhard: Diese Situation hat uns natürlich voll getroffen. Es war meine unproduktivste Zeit überhaupt, eine Katastrophe. Keine Konzerte, selber nicht gespielt und natürlich hat auch niemand etwas von mir gespielt. Wir hatten die Kinder zu Hause und waren ausgelastet mit deren Versorgung und Homeschooling. Für mich war es definitiv keine Zeit zum Komponieren und Üben, ich konnte überhaupt nicht kreativ werden.

Als Trio Polyester habt ihr im Jänner einen Gig der Strengen Kammer im Porgy & Bess. Seit wann und wie habt ihr euch denn gefunden?

Alexander J. Eberhard: Peter [Herbert, Anm.] habe ich bei einer CD-Produktion von Uli Rennert im Herbst 2011 in Graz kennengelernt. Er war als Solist eingeladen, ich war die zweite Bratsche des Streichsextetts. Es gab in einem Stück neben den ausnotierten Noten auch freie Teile und irgendwie hat sich über das Improvisieren unsere Verbindung ergeben. Daraufhin hat er mich für eine Jamsession ins Blue Tomato eingeladen, wo wir gemeinsam den Opener spielten. Wir traten dann in der Folge als Duo Doppelklinge auf und später formierte sich mit Igor Gross als Schlagwerker das Trio Polyester.

Trio Polyester – Peter Herbert, Igor Gross und Alexander J. Eberhard (c) Andreia Andrade

Was spielt ihr als Duo und als Trio, wie kommuniziert ihr miteinander?

Alexander J. Eberhard: Die wortlose Kommunikation ist mir am liebsten. Um gemeinsam zu spielen, muss man sich gar nicht besonders gut kennen, aber es gibt einen musikalischen Punkt, an dem man sofort das Wesen der oder des anderen spürt: ob sie oder er eher für sich improvisiert oder aber aufmacht und dich sofort mit einbezieht. Alles hat da seine Berechtigung.

„Weil es bei ‚On The Couch‘ auch genau um diese Intimität geht.“

Peter Herbert war auch ein Gast der ersten Stunde deiner Reihe „On the Couch“.

Alexander J. Eberhard: Ja, sie feiert heuer im Oktober ein Festival, wir [Isabelle und Alexander J. Eberhard, Anm.] machen diese kleine Hauskonzertreihe in Wohnzimmeratmosphäre seit sage und schreibe acht Jahren! Eine kleine kulturelle Initiative, die meine Frau und ich gemeinsam programmieren, mit Getränken, Butterbrot und seit Neuestem mit den legendären Schwedenbomben! Es geht uns um einen informellen Rahmen, um neue Stücke zu erproben und darüber Austausch mit dem Publikum zu haben. Dadurch begegnen einander immer wieder andere Künstlerinnen und Künstler, internationale sogar, wie zum Beispiel der amerikanische Komponist Stuart Saunders Smith und die polnische Saxofonistin Paulina Owzarek. Das sind großartige Gelegenheiten! In Amerika ist es üblich, dass improvisierte Musik nur an Universitäten stattfindet, und das unentgeltlich. Bei uns bekommen die Musikerinnen und Musiker, wenn es möglich ist, eine Gage.

Beim Couch Festival treten Andi Schreiber, Peter Herbert, Igor Gross auf und es spielen Lorenz Raab und Christof Dienz als RaaDie. Dazu gibt es noch eine Videoinstallation von Claudia Larcher und zwei Klanginstallationen von Angélica Castelló und mir. Natürlich entlang der gegebenen Hygienevorschriften, notfalls als Stream. Doch ich hoffe inständig, dass es „normal“ stattfinden wird und nicht als Stream. Wir haben im Mai schon auf den Herbst verschoben. Es ist ja vor allem das Live-Event, das allen so fehlt, vor Publikum zu spielen und nicht in einem leeren Raum. Weil es bei „On The Couch auch genau um diese Intimität geht.

Jetzt hast du auch wieder Musik zu Filmmaterial geschrieben.

Alexander J. Eberhard: Ja, „Collapsing Mies“ lief auf der Diagonale, natürlich nur online. Das Festival d’Animation Annecy, das weltweit größte Animationsfilmfestival, und das Vienna Shorts Film Festival haben den Film ebenfalls gezeigt. Im Fall von „Collapsing Mies“ zeigte Claudia Larcher mir ihren fertigen Film zur Architektur von Mies van der Rohe und ich machte die Musik dazu. Bei „9xBeethoven10 reloaded“ war es umgekehrt, Claudia Larcher hat Videomaterial zu meinem Stück erschaffen. Da gibt es kein vorgegebenes Prozedere.

Arbeitest du im Kompositionsprozess gern mit jemandem zusammen?

Alexander J. Eberhard: Ich habe die schärfste Kritikerin zu Hause. Meine Frau erlebt den Prozess mit und bekommt die Stücke als Erste zu hören. Wenn es aber um spezielle Spieltechniken geht, dann hole ich mir das Wissen um Klang- und Notationsmöglichkeiten direkt bei den Musikerinnen und Musikern, für die ich schreibe.  

Wie geht es dem Christine Lavant Quartett und dem Duo bonaNza?

Alexander J. Eberhard: Wir haben als Quartett erstmals nach dem Ausbruch von Covid-19 ein Stück des Komponisten Johannes Wohlgenannt Zincke aufgenommen. Im März wird es bei Imago Dei in der Minoritenkirche in Krems uraufgeführt. Wir sind ein Projekt-Quartett. Es kostet sehr viel Zeit und Aufwand, Konzerte an Land zu ziehen, die auch halbwegs ordentlich bezahlt werden. Die Zeit haben wir oft nicht. Unser Exilkomponistenprojekt liegt im Moment auch brach, wir wollen das aber unbedingt wieder aufleben lassen. Da gibt es so viele selten gespielte Schätze. Und das Duo ist jetzt mit Schlagzeuger ein Trio: Igor [Gross, Anm.], wer sollte es sonst sein. Wir planen noch in diesem Jahr ein Konzert im WUK.

Herzlichen Dank für das Gespräch! Sylvia Wendrock

https://www.musicaustria.at/die-wortlose-kommunikation-ist-mir-am-liebsten-alexander-j-eberhard-im-mica-interview/

Bild Alexander J. Eberhard
Alexander J. Eberhard (c) Igor Ripak

ALEXANDER J. EBERHARD – P.A.CAT

Es ist der doch etwas andere Klang, mit dem ALEXANDER J. EBERHARD auf seinem Album P.A. CAT (einklang records) die Hörerschaft konfrontiert. Quasi mit den herkömmlichen musikalischen brechend, sind es vielmehr faszinierende avantgardistische Klanggeschichten und Soundcollagen, als irgendwelche Stücke klassischen Formats, die er ertönen lässt.

Eines vorweg: Die Frage nach der stilistischen Verortung der Musik des aus Kärnten stammenden Musikers und Komponisten kann man sich eigentlich sparen, denn dafür sind die Einflüsse, die eine Rolle spielen und dem Geschehen seine Form geben, in ihrer Summe einfach viel zu viele. Alexander J. Eberhard ist ein Künstler, der sich vorwiegend in den undefinierbaren Stil-Zwischen-Räumen bewegt. Der Sound, den der experimentierfreudige musikalische Freigeist praktiziert und auch auf seinem neuen Album zu Gehör bringt, nährt sich aus Unterschiedlichstem: aus der Neuen Musik, dem Jazz, der Popularmusik, Elektronik, Klangkunst, Kammermusik und Klassik. Und genau diese vielschichtige Uneindeutigkeit ist es auch, aus der  sich die besondere Spannung seines facettenreichen Musikentwurfs herausbildet.

Ein besonders Klangerlebnis

Cover "P.A. CAT"

Cover P.A.CAT

Alexander J. Eberhard folgt meist dem Gefühl und meidet das allzu Theoretische und Sperrige. Er gibt jedem einzelnen Ton, jedem Geräusch, Klang und Sample durch seine kunstvollen Verfremdungen und Bearbeitungen eine Bedeutung, einen Sinn. Er lässt sie schwingen, knarzen, übersteuern, warme und kalte Farben annehmen, er verwandelt sie genauso in schönste feingliedrige Melodien, wie in dissonanteste Lärmausbrüche oder abstrakte Rhythmuskonstruktionen. Die Nummern des Kärntners folgen ihren ganz eigenen Regeln: Sie entwickeln sich in offenen Strukturen über weite Bögen und Wechsel, immens verdichtete,  komplett reduzierte und minimalistische Zustände, sowie über solche, die unweigerlich Assoziationen zu mysteriösen, geheimnisvollen, futuristischen, schönen wie auch dunklen Orten auslösen und Bilder in die Köpfe pflanzen.

„P.A. CAT“ ist ein faszinierender Blick über den Tellerrand des gewöhnlich Musikalischen hinaus, eine kunstvolle und spannungsgeladene Auseinandersetzung mit den Phänomenen des Klangs. Alexander J. Eberhard liefert schlicht und einfach einen  Soundtrack ab, der fesselt, fordert und in den Bann zieht. Ganz stark.

Michael Ternai

 

Kleine Zeitung – Sein Ton macht die Musik

Donnerstag, 11. Juni 2015, S 17

eberhard

Musikmagazin – Neues vom österreichischen Musikgeschehen

mica_logo_small_quadratFr, 31.01.2014 – 14:25

Alexander J. Eberhard im Porträt

Alexander J. Eberhard ist freischaffender Komponist mit vielfältigen Interessen, auf jeden Fall für Neue und für elektronische  Musik, aber auch  für Improvisation, „Soundbranding“, Filmmusik. Zudem ist er aktiver Bratschist, auf der „normalen“,  wie auch der E-Viola. Für das Jahr 2014 hat er das Staatsstipendium für Komposition erhalten, worüber er sich natürlich freut. Das erleichtere das Arbeiten ein Jahr lang erheblich, er kann Projekte durchführen, zu denen er mit anderen Tätigkeiten des Gelderwerbs nicht kommen würde. Letzteres sei, wie er meint,  für ihn natürlich ein wenig leichter als für andere, die kein Instrument spielten.

Der 1970 in Wolfsberg in Kärnten geborene Eberhard studierte Viola, Komposition sowie elektroakustische und experimentelle Musik an der Musikuniversität Wien. Er erhielt bereits 1999 den Ersten Preis beim „Gustav Mahler Kompositionspreis“ der Stadt Klagenfurt,  verschiedene Arbeitsstipendien des Kunstministeriums, der Stadt Wien und des Landes Kärnten und war Stipendiat an der Internationalen Akademie Impuls für Neue Musik bei Beat Furrer. 2008 wurde er für sein Orchesterwerk in two parts mit dem Theodor Körner Preis ausgezeichnet. 2012 erschien die CD we never die at home seines Elektronikduos bonaNza (mit Jorge Sánchez-Chiong) beim Label Konkord I Rough Trade. Durch den Einsatz digitaler Instrumente sowie der elektronischen Bratsche gelingt Eberhard eine eigenständige Erweiterung seines Klangspektrums, die er auch im Duo mit dem Jazz-Kontrabassisten Peter Herbert umsetzt, „in freier Improvisation und in dichter Interaktion Klangstrukturen der überraschenden Art“ schaffend, wie es in einer Besprechung heißt.

Ausgangspunkt für seine kammermusikalische Tätigkeit ist Alexander J. Eberhards Auseinandersetzung mit entarteter Musik. Mit dem von ihm gegründeten „CLQ :: Christine Lavant Quartett“, benannt nach der (ebenso aus dem Lavanttal stammenden) österreichischen Lyrikerin, setzte er abseits der Mainstream-Konzertprogramme Akzente durch die Aufführung von Werken für Streichquartett von während des Naziregimes verfolgten Komponisten, oder durch Kooperationen, wie z.B. mit Hans Platzgumer. 2010 erschien beim ORF die Ersteinspielung mit zwei Streichquartetten des Exilkomponisten Richard Stöhr.

Mit einer weiteren von ihm gegründeten Band („Superlooper“) mit den Musikern Ludwig Bekic und Florian Kmet, die allerdings derzeit nicht mehr besteht, präsentierte Eberhard nach zahlreichen Konzerten in Österreich, Deutschland und Japan deren Debut-CD Construct me beim Festival Wien Modern 2008. Eberhard dazu: „Die Idee der Doppel CD war, dass man selber zu Hause auf zwei Playern eine Klanginstallation machen kann, indem man die CDs gleichzeitig abspielt oder verschiedene Tracks miteinander kombiniert“ (siehe auch mica-Interview mit Superlooper).

Eberhard komponierte 2009 die Musik zu den Dokumentarfilmen „Ein Koffer voller Erinnerung“ und „Meine Flucht aus Prag“ (Centropa Film). Auch Klanginstallationen wie Random Trees, Sonic Interventions: Downtown LA shaped by sound (Los Angeles) sowie die Radiosignation für die Architektursendung „a palaver“ auf Radio Orange zählen zu seiner Arbeit als Komponist. 2012 wurde Magic vom Phace Ensemble  im Semperdepot Wien uraufgeführt.

Porträt-Gespräch

Schon beim letzten mica-Interview mit Alexander J. Eberhard vor mehr als fünf Jahren urteilte Sabine Reiter, die ein ausführliches Gespräch mit ihm führte und aufzeichnete, über ihn: „Kompositionen, graphisch notierte Musik als Anregung zur Improvisation, Filmmusik, Klanginstallationen, elektronisches Clubmusik-Duo – der Komponist und Bratschist lässt sich nicht so einfach auf ein Fach festlegen.” Es lag nahe, ihn bei einem erneuten mica-Gespräch für dieses Porträt zunächst zu fragen, welche Vorhaben er 2014 umsetzen wolle.

Konkretes Projekt ist derzeit die Herausgabe einer Porträt-CD auf einklang records, auf der zwei Streichquartette erscheinen werden, zwei Stücke gemeinsam mit dem Kontrabassisten Peter Herbert, ein Stück für und mit der Bratschistin Petra Ackermann und dem Gitarristen Janez Gregorič, sowie ein Stück mit dem Klarinettisten Olivier Vivarés vom Klangforum Wien. Sie wird in diesem Jahr unter dem Titel Baked Alaska im Radiokulturhaus aufgenommen. Außerdem gibt es Uraufführungen wie Angels`share für Streichquartett und Stimme mit Gunda König und Texten von Christine Lavant am 14. Juni im Kulturverein Eichgraben oder Zeitlos… für Viola, Gitarre und Laborstoppuhr.

Das Christine Lavant Quartett (vormals Egon Wellesz Quartett), das er zusammenhält und dessen Auftritte er gemeinsam mit seiner Frau Isabelle organisiert, die im Quartett übrigens das Cello spielt, ist ihm weiterhin ein Anliegen. Die normale akustische Bratsche spiele er gern? – „Sehr gern, im Quartett nur akustisch, jetzt überhaupt, da ich mir eine tolle Bratsche der Geigenbauerin Bärbel Bellinghausen kaufen konnte. Ich machte auf der Uni die komplette Viola-Ausbildung samt Prüfungen und Magisterabschluss. Derzeit mache ich gerade Agglomeration von Anestis Logothetis, ein Stück eigentlich für Sologeige und Ensemble, von mir adaptiert als Solostück für E-Bratsche und Live-Elektronik.  Die meisten grafischen Stücke von Logothetis können sowieso ad libitum besetzt werden  Das gibt es auch im April  in der Alten Schmiede zu hören“. Dort wird am 11. April 2014 Olivier Vivarès auch ein Stück für Bassklarinette (Simulacre IV, 1995) für Bassklarinette von Georges Aperghis aufführen. Geplant sind zwei Uraufführungen von Kompositionen Alexander J. Eberhards: Kalamos für Kontrabassklarinette und Sudden smile für Bassklarinette, Viola und Live-Elektronik.

An der ELAK (Lehrgang Elektroakustisches Sounddesign Computermusik) machte Eberhard das Kompositionsstudium, war eine Zeit lang in der Kompositionsklasse bei Dieter Kaufmann. À propos Dieter Kaufmann: 2013 wirkte Alexander J. Eberhard an der Viola gemeinsam mit Clemens Hofer (Posaune) und Alfred Melichar (Akkordeon) in Klagenfurt bei der der szenischen Uraufführung des Tanztheaters „Bräutigall und Anonymphe“ und den “Unpainted Poems“ von Dieter Kaufmann mit.

Arbeitsstätte des Komponisten ist sein Studio, in dem er unter dem Titel  „On the couch“  auch Konzerte organisiert, zuletzt im Dezember zum Beispiel mit Peter Herbert. Alexander J. Eberhard mochte bei den Besprechungen des Duos am meisten eine Charakterisierung, die Andreas Felber für Ö1 machte: „Musikalisch bewegt sich das Geschehen im Spannungsfeld von Minimal Techno, Jazz, Improvisation und abstrakter Klangarbeit“. Gemeinsam, erzählt Alexander J. Eberhard,  werden die Stücke entworfen, die Anfänge klargemacht. Es gibt Skizzen, Notierungen, manchmal Zuspielungen oder den Einsatz des Laptops. Auch Peter Herbert bringt öfter Entwürfe für Stücke mit, spielt etwas vor und schlägt vor in welche Richtung etwas gehen kann. Demnächst ist das Duo Eberhard&Herbert am 8. April mit dem neuen Programm Doppelklinge in der Strengen Kammer des Porgy&Bess zu hören.

Im Studio Eberhard wurden auch wiederholt die Stücke Combat of dreams (2003-2010) für Streichquartett und Zuspielung aufgeführt oder Magic (2011) für Streichquartett, Spielwerke und Zuspielung. „Die Uraufführung war im Semperdepot“, erinnert sich Eberhard, „das war das mit den Spielwerken, die im zweiten Teil des Stückes auf die Instrumente aufgesetzt wurden. Der Cellist Roland Schueler etwa klemmte das Spielwerk zwischen die Saiten und erzeugte dadurch einen ganz eigenen Klang. Die anderen setzten sie auf den Korpus ihres Instrumentes, der dann wie ein kleiner Verstärker fungierte. Durch den sehr reduzierten Einsatz kam oft nur ein ‚Pling’. Im ersten Teil führt das Quartett gemeinsame sehr leise Glissando-Bewegungen im Vierteltonbereich aus. Es ist ein meditatives Stück, wenn man das so sagen will. Ganz fein minimalistisch reduziert.

Bleibt noch, über das Elektronikduo bonaNza mit JSX zu reden, das seit 2006 sowohl auf Tanzflächen wie auch auf Kunstfestivals auftritt. Mit we never die at home präsentierte bonaNza „frischen Clubsound aus unkonventionellen und virtuosen Beats und Samplingarbeiten. Fließend koppelt es kargen Minimalhouse mit Noise und Industrial, kantige Techno-Beats mit verträumten Filmmusikversätzen, oder fröhliche Reggaeton-Rhythmen mit düsteren, angezerrten E-Violasounds, vertraute Stimmungselektronik erscheint dabei in einem völlig neuen Kontext“, heißt es etwa in einer Besprechung dieser CD. Alexander J. Eberhard: „Wir haben anfänglich viel in Clubs gespielt, da hat man zwar oft nichts oder nicht viel dafür bekommen. Wir wurden dann aber sehr bald zum musikprotokoll eingeladen und nach Norwegen zum Numusic Festival in Stavanger.

Wo ist ein Publikum? Wohin wird sich das Musikleben entwickeln? „In ‚brand eins’, einer  deutschen Wirtschaftszeitung mit sehr guten Kulturartikeln steht, dass das Interesse für live gespielte klassische Konzerte in den nächsten 30 Jahren um 36% zurückgehen werde.“ Das Interesse für Neue Musik sei aber bei jungen Leuten durchaus da. Beim Jeunesse-Konzert des Mivos Quartet, das mit Jorge Sánchez-Chiong dessen neues Stück „chromatic aberration“ aufführte, war Eberhard mit jungen amerikanischen Studenten, mit  denen er Lehrveranstaltungen und auch  Konzertbesuche macht. Da hörte er ein Mädchen im Jeunesse.Publikum zwischen den Darbietungen sagen: „Ich kann dabei so gut abschalten“.  Gerne möchte Eberhard in Zukunft auch mit Jugendlichen in Workshops arbeiten. In einem Workshop mit Studenten des Central College Abroad Vienna, genannt „Electric Orpheus“ werden unter Eberhards Anleitung mit Hilfe von Musiksoftware Musikstücke aus selber hergestellten Samples  produziert.

Sehr wichtig ist Alexander J. Eberhard auch die musikpädagogische Arbeit mit Kindern. „Gemeinsam mit meiner Frau arbeite ich seit einem Jahr mit Kindern im Kindergartenalter in Form des Musikkurses ‚Kinderklang’, der im Studio stattfindet.  In diesen Kursen singen und tanzen wir viel, es gibt Rhythmus- und Bewegungsspiele, begleitet immer mit unseren Instrumenten Bratsche und Cello.“

Heinz Rögl

Foto Eberhard 1: Philipp Kerber
Foto Eberhard 2: Igor Ripak
Foto Eberhard 3: Daniel Pufe

Artists Eberhard, Alexander J.
Links Alexander J. Eberhard
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On the couch: Peter Herbert & Alexander J. Eberhard
Musikdatenbank Alexander J. Eberhard
 

Der Standard – Szenario 20. Dezember 2013, Watchlist 29. Jänner 2013

Andreas Felber

Beim zehnten On the couch – Konzert von Peter Herbert, Österreichs Weltbürger am Kontrabass, und Alexander J. Eberhard (E-Viola, Soundelektronik) wollen es die beiden krachen lassen. Musikalisch bewegt sich das Geschehen im Spannungsfeld von Minimal Techno, Jazz, Improvisation und abstrakter Klangarbeit.

Presseartikel_12_2013

Ein Saitenduo der besonderen Sorte: Viola-Spieler und Soundelektroniker Alexander J. Eberhard und der mit allen Wassern gewaschene Meisterbassist Peter Herbert werden heute in freier Improviastion und in dichter Interaktion Klangstrukturen der überrraschenden Art ersinnen.

Presseartikel

 

Standard_05062012

Frischluft für den Konzertbetrieb

Doris Weberberger, ÖMZ 2012

Bedächtig und dabei nicht weniger spannungsvoll brachte Alexander J. Eberhard die langsamen Glissandi des Streichquartetts Magic in Kontrast zu den auf die Instrumente aufgesetzten Spielwerken und knacksende Zuspielung. Frischluft, wie sie dem Konzertbetrieb auch in vermehrtem Maß gut tun würde, um das traditionelle Feuer nicht zu Asche werden zu lassen, sondern es am Brennen zu halten.

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